Der erste Jurist

“Am Anfang der juristischen Tätigkeit stand ja (…) nichts anderes als das Vermögen, Ordnung – und zwar eine Verfahrensordnung – in das Chaos eines sozialen Konfliktes zu bringen. Wesentlich war und ist dabei die strikte Trennung des Sachverhaltes und der Bewertung und Entscheidung des Sachverhaltes. Man weiß nicht genau, wer zuerst auf diese Idee gekommen ist, aber einige in Mesopotamien gefundene Tontafeln aus dem vierten Jahrtausend vor Christi Geburt lassen den Schluß zu, daß dies im Zweistromland geschah. Sie berichten von einem Fall, in welchem zwei Ziegenherden, eine Wasserquelle, ein ausgerissenes Haarbüschel (weiblich) und zwei ausgeschlagene Vorderzähne (männlich) eine Rolle gespielt haben. Soweit man den Tontafeln entnehmen kann, trat in diesem Falle ein neutraler Dritter auf. Dieser trennte die streitenden Parteien und sprach zur klagenden Partei: ‘Zuerst redest du!’ Nachdem er eine Stunde oder auch länger gelauscht hatte, erteilte er der beklagten Partei das Wort. Wieder hörte er längere Zeit zu. Dann zog er sich zur Beratung zurück. anschließend verkündete er sein Urteil: ‘An geraden Tagen darfst du die Quelle benutzen. an ungeraden du! Wann jeweils gerade und ungerade Tage sind, erfahrt ihr immer von mir. Dafür bekomme ich jedesmal einen Topf Milch. Und als Gebühr für diesen Spruch erhalte ich von jedem von euch eine Ziege.’ Dieser Mann war der erste Jurist der Weltgeschichte.

Moderne Verhandler müssen danach trachten, diese Rolle zu übernehmen. Sie müssen also in der Verhandlung dafür sorgen, daß der Sachverhalt erst einmal hergestellt wird, ehe darüber verhandelt wird, und ehe die Wertentscheidungen gefällt werden. Das geschieht (…) nach Regeln, für welche die Juristen Vorbilder geliefert haben, die auch in nichtjuristischen Verhandlungssituationen helfen.”*

*Fritjof Haft: Verhandlung und Mediation. Die Alternative zum Rechtsstreit, 2., erw. Auflage, München 2000, S.135/136.

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Die Mediation ist eine “nichtjuristische Verhandlungssituation”. Allerdings gibt die Mediatorin keine Lösungen vor wie im obigen humorigen Beispiel einer Schlichtung, sondern die Konfliktpartner erarbeiten eigenverantwortlich einvernehmliche Lösungen, mit denen alle Beteiligten gut leben können. Die Mediatorin begleitet und strukturiert mit ihrem “Handwerkszeug”, mit angemessenen Methoden dieses Verhandeln, damit faire und nachhaltige Ergebnisse dabei herauskommen. Sie vermittelt zwischen den Konfliktparteien: “mediare” (lat.) heißt “vermitteln”. Das ist Mediation.

Mediaton ist darüber hinaus preiswerter als im obigen Beispiel: Es wird nicht auf unabsehbare Zeit alle paar Tage “ein Topf Milch” von jedem Verhandlungspartner gefordert oder gar eine einmalige Schiedsspruchgebühr – das gibt es bei Rechtsanwälten und vor Gericht – , sondern es werden feste Stundensätze für die begrenzte Zeit vereinbart, in der die Mediation stattfindet. Außerdem kann die Mediation jederzeit von jedem Beteiligten ohne Schaden beendet werden – es gibt keine  “Vertragslaufzeit”.

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