Den Regenten aufs Pulverfass

„In einem Lande N.N. müssen bei einem Kriege der Regent so wohl als seine Räte solange der Krieg währt über einer Pulvertonne schlafen und zwar in besondern Zimmern des Schlosses, wo jedermann frei hineinsehn kann um zu beurteilen, ob das Nachtlicht auch jedesmal brennt. Die Tonne ist nicht allein mit dem Siegel der Volksdeputierten versiegelt sondern auch mit Riemen an den Fußboden befestigt die wieder gehörig versiegelt sind. Alle Abend und alle Morgen werden die Siegel untersucht. Man sagt daß seit der Zeit die Kriege in jenen Gegenden ganz aufgehört hätten.“*

*Sudelbrevier aus den Sudelbüchern des Georg Christoph Lichtenberg gezogen und mit einer Sudelnotiz beschlossen von Gisbert Haefs, Zürich 1988, S. 32.

Georg Christoph Lichtenberg (1742—1799) war Professor für Naturlehre, Astronomie und Mathematik in Göttingen. Seine Aphorismen erschienen erstmals als „Bemerkungen vermischten Inhalts“ in den „Vermischten Schriften“ (1800–1806). Aphorismen als pointierte Formulierung eines Gedankens oder einer Lebensweisheit finden sich bereits in der Antike; Erasmus, Bacon, Montaigne führen diese Art des Philosophierens in der Neuzeit fort. Lichtenberg wird von Schopenhauer, Nietzsche, Freud, Kraus, Musil u.a. rezipiert. Berühmt sind Lichtenbergs blitzartige Einsichten; seine Gabe, scheinbar Unvereinbares miteinander zu verbinden und so scheinbar Unumstößliches wanken zu machen, neue Blicke zu ermöglichen.

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Ich finde die oben beschriebene Praxis hervorragend und nachahmenswert – nicht nur für Regenten, sondern auch für Kriegstreiber, die aus sicherer Entfernung über Kriege in anderen Ländern schwadronieren; sie mögen sich mitten in die Kampfgebiete begeben und die Ergebnisse ihres Geschwafels dort abwarten.

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